ALLE REGISTER GEZOGEN

Zur INTERACTIVE COLOGNE sollte den Besuchern etwas ganz Besonderes geboten werden. Die Agentur denkwerk war der perfekte Ideengeber, der Kölner Dom die perfekte Kulisse. Ein Protokoll.
EIN BEITRAG VON ULRIKE HENRIETTE JEGGLE

BRONZE IN DER KATEGORIE DIGITALE MEDIEN / DIGITALE/INTERAKTIVE ANWENDUNGEN
DENKWERK, KÖLN
INTERACTIV COLOGNE – WEB DE COLOGNE E. V. »HACKING RICHTER«

AUFGABENSTELLUNG:

Entwicklung eines Kulturevents für die 2. Interactive Cologne im Mai 2014, das eine Verbindung zwischen digitaler Welt und dem Veranstaltungsort Köln herstellt.

RESSOURCEN:

  • DIE beliebteste Sehenswürdigkeit: der Kölner Dom
  • 1 Mosaikfenster
  • 1 Orgel mit MIDI-Schnittstelle
  • 360 Smartphones

AUFBAU:

Vor der Kulisse des von Gerhard Richter gestalteten Südquerhausfensters des Kölner Doms wurde die Querhausorgel über ihre MIDI-Schnittstelle und eine Web-App mit den Handys der Zuhörer verbunden, sodass Smartphones und Domorgel sich gegenseitig steuern konnten.

DURCHFÜHRUNG:

Sobald die geladenen Konzertbesucher ihre Plätze eingenommen hatten, waren sie aufgefordert, sich mit ihrem Smartphone über die von der Agentur denkwerk entwickelte Web-App in ein internes WLAN einzuloggen. Im Browser sollte dann eine lokale Webseite aufgerufen und die vorgefundene Platznummer eingegeben werden. Abschließend wurde das Gerät mit angeschaltetem Bildschirm auf dem Brett für das Gesangbuch platziert.

Für den Zuhörer nicht wahrnehmbar öffnete die Webseite nach Eingabe der Platznummer eine Websocket-Verbindung, sodass der Server den Screen fernsteuern, also Farbe und Interface-Elemente ändern konnte. Mit Beginn des Konzerts verwaltete der Server somit eine Liste aller offenen Websocket-Verbindungen und konnte Befehle wie Farbwechsel an alle oder einzelne Smartphone-Clients senden.

HackingRichter1
Besucher und dadurch Teilnehmer der Aktion „Hacking Richter“.

Zum Auftakt führte Domorganist Prof. Dr. Winfried Bönig seine 2007 zur Einweihung des von Gerhard Richter geschaffenen Querhausfensters komponierte Interpretation „Lux et Color“ auf. Den 11.263 Quadraten in 72 Farben des Fensters entsprechend, ist das Stück eine Tonfolge von 11.263 Tönen, deren Reihung – genau wie einst bei den Mosaikquadraten des Fensters – einem Zufallsgenerator überlassen war. Abgespielt wurde es von einem USB-Stick, der die Pfeifen via MIDI-Schnittstelle ansprach; Klangfarben und Lautstärke variierte Bönig über die Register der Orgel. Durch die analog zu den Tönen in unterschiedlichen Farben leuchtenden Smartphone-Displays wurde das Fenster in der Horizontalen reproduziert.

Im zweiten Programmpunkt „Interactive Composition #1“ von Gregor Schwellenbach wurde die Partitur von den vertonten IP-Adressen der Smartphones bestimmt. An einer derart aufwendigen Produktion war der Komponist zuvor noch nie beteiligt:

"Normalerweise betreibe ich möglichst wenig technischen Aufwand, doch vor dieser Kulisse und dem versierten Publikum sollte diesmal alles ganz groß sein."

Die denkwerk-App übermittelte die IP-Adressen an Schwellenbachs Laptop, der die Zahlenreihen nach vorher festgelegten Regeln in Musik übersetzte. Mithilfe der Software Algorythm des Musikprogrammierers Damian Dziwis wurden die Befehle an die Domorgel übertragen. Gregor Schwellenbach improvisierte eine konstante Steigerung, die immer mehr Displays zum Leuchten brachte. Denn die Web-App sendete zusätzlich visuelle Signale zurück an die entsprechenden Smartphones. Durch das Aufblinken des eigenen Handys, wenn dessen IP-Nummer an der Reihe war, wurde jeder Zuhörer zu einem Teil der Komposition.

HackingRichter2
Winfried Bönig mit seinem Team.

Für die abschließende Improvisation „Lichtorgel“ von Winfried Bönig wurde das Steuerungsprinzip umgekehrt: Die Smartphones gaben nicht länger den Ton an, vielmehr wurden sie nun von der Orgel „ferngesteuert“. Nun übertrug die denkwerk-App das Tonsignal über das MIDI-Interface als Lichtshow auf die Smartphones, die zu einem einzigen riesigen Bildschirm zusammen geschaltet waren.

Ergebnis:

"Mit ‚Hacking‘ Richter haben wir bei einem weltweit einmaligen, interaktiven Event Architektur, Mensch und Musik miteinander agieren lassen und damit ein ganz ­besonderes Highlight realisiert, das wir in der Form so schnell nicht wieder erleben werden",

ist Joachim Vranken, Veranstalter der Interactive Cologne, überzeugt. Die Agentur denkwerk hat dazu beigetragen, indem sie im wahrsten Sinn des ­Wortes alle Register gezogen hat, um dieses vorher unvorstellbare Cross-over von Konzert und Installation in nur vier Monaten Entwicklungszeit technisch möglich zu machen.

HackingRichter3
Die Lichtkomposition im Kölner Dom.

(Veröffentlicht im Buch zum JAHR DER WERBUNG 2015, Band 52, erschienen im Econ Verlag)

Ulrike Henriette Jeggle

Ulrike Henriette Jeggle

Ulrike Henriette Jeggle ist gelernte Werbekauffrau und Diplom-Kommunikationswirtin. Nach Abschluss ihres Studiums an der Universität der Künste in Berlin war sie für einen Verlagsservice und Universitäten tätig. Mehrere Jahre arbeitete sie zudem bei einem Senkrechtstarter der Berliner Kulturszene mit. Seit 2011 übernimmt sie gemeinsam mit Nadja Gragert-Klier unter der eigenen Marke ‚TEXTAUFTRITT‘ Text- und PR-Aufgaben für Online- und Offline-Medien.

Weitere Artikel

HEIMAT und Ogilvy räumen ab

Gleich dreimal Gold holten sich Ogilvy und die Deutsche Bahn für ihre Sommer Ticket Kampagne im Wettbewerb um die Econ Megaphon Awards 2019. Der unterhaltsame...

Mut heisst machen

»Stop crying, start doing« lautet das Motto, mit dem Maurizio Rugghia, Daniel Zuberbühler und Florian Beck im Mai 2016 die Zürcher Agentur SiR MaRY gründeten....

Denn das Gute liegt so nah

Warum in die Ferne reisen? Schöne Gegenden gibt es in Deutschland doch auch, schnell und preiswert erreichbar mit der Deutschen Bahn . Mit ihrer Sommer-Ticket-Kampagne...

Zum Thema

Tintoretto2Go

2017 lockte das Wallraf mit der Ausstellung „Tintoretto – A Star was Born“ seine Besucher. Doch wie begeistert man die junge Generation Smartphone für einen...

Der Dienstag ist rot

Um die Welt von Synästhetikern erfahrbar zu machen, entwickelte die Deutsche Synästhesie-Gesellschaft zusammen mit der Agentur denkwerk eine VR-App, mit der sie den Nutzern eine...

The Fashion Mag Hijack

Vom Modemagazin direkt übers Smartphone einkaufen, das hat Stylight mit der App Shazam möglich gemacht. Lorenz Langgartner , Creative Innovation Director bei Serviceplan , gibt...