BERLIN’S FINEST COMIC

Vom Hörensagen kennt ihn fast jeder Berliner: den ­Superpenner, eine Comic-Beilage zur Straßenzeitung strassenfeger im Januar 2014. Wie einst Superman beschützt er die Bewohner der Hauptstadt vor der „Berliner Bestie“, einer Kreuzung aus BVG-Busfahrer, Öko-Mutti und Suff-Touri. Doch wie kam es dazu?
EIN BEITRAG VON ULRIKE HENRIETTE JEGGLE

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SCHOLZ & FRIENDS BERLIN
MOB E. V. STRASSENFEGER »SUPERPENNER«

Einige Kreative der Agentur Scholz & Friends überkam im tiefsten Winter auf ihrem Arbeitsweg angesichts frierender Obdachloser das Bedürfnis, etwas zu unternehmen, was deren Nöte in den Fokus rückt. Das Thema ließ das Team um Robert Krause und Sebastian Kamp nicht los. Vielmehr entwickelten sie die Idee, das Berliner Straßenleben in Comicform aufzugreifen und als hochwertigen Beileger einer Straßenzeitung zur Verfügung zu stellen. Mit diesem Plan gingen sie auf Andreas Düllick, den Chefredakteur des strassenfegers, zu. Der war ganz aufgeschlossen – solange es seine Redaktion nichts kosten würde.

Superpenner-2
Die Geburt eines neuen Superhelden.

Genau das erwies sich jedoch als größte Hürde: Fast drei Jahre dauerte es, bis Scholz & Friends die Finanzierung des Drucks der 20.000 Hefte auf die Beine gestellt bekam. Düllick hatte das Thema schon längst abgeschrieben, als eines Tages der Anruf kam, dass alles klar sei und der Comic in drei bis fünf Monaten an den Start gehen könne. Inzwischen war nach etlichen Absagen renommierter Comiczeichner mit dem Werbegrafiker Stefan Lenz die perfekte Lösung in den eigenen Reihen gefunden worden. Nach eingehendem Studium unzähliger Comics entstand gemeinsam mit dem Team die Figur des Superpenners.

VOLL KORREKT?

Vor der Weiterentwicklung stellten die Entwickler die Figur einigen Straßenverkäufern vor, um abzuklären, ob sie den richtigen Nerv trifft oder der Begriff Penner zu negativ besetzt ist. Doch die überwiegende Mehrheit der Verkäufer zeigte Sinn für Selbstironie und fühlte sich angesprochen. Auf einem Release-Event vor dem Verkauf wurden der Superpenner und seine Story der gesamten Verkäufergemeinde präsentiert. Eine Plakatkampagne mit Verkäuferporträts und ein Kinospot kündigten den Comic groß an. Für die Straßenverkäufer war die Aktion ein Erfolg auf ganzer Linie. Neben dem materiellen Gewinn brachte der Superpenner ihnen eine vorher unbekannte Aufmerksamkeit ein, die ihr Selbstwertgefühl erheblich steigerte.

"Wenn man in der Ecke steht und die Leute normalerweise an einem vorbeilaufen und zur Seite gucken, und nun kommen sie und klopfen dem Verkäufer auf die Schulter – das ist für die ein einmaliges Erlebnis, plötzlich wahrgenommen zu werden",

beschreibt es Andreas Düllick. Und die Aufmerksamkeit ging weit über die Stadtgrenzen Berlins hinaus: Medien in aller Welt bis hin zur New York Times berichteten über den Superpenner.

Straßenfeger1
Verkäufer mit der Comic-Beilage „Superpenner“.

DIE MISSION GEHT WEITER

Ein Effekt allerdings, der genauso schnell verflog, wie er kam und das Standing der Verkäufer auch nicht dauerhaft verbesserte. Damit der strassenfeger die Erfolgsstory weiterschreiben oder zum Beispiel Merchandising-Artikel entwickeln kann, hat Scholz & Friends alle Rechte an der Figur an die Redaktion übergeben. Damit war Chefredakteur Düllick plötzlich auch mit Skurrilitäten wie dem Anruf eines Anwalts von Time Warner konfrontiert, der sich wegen der Konkurrenz zu Superman nach den Plänen für den Superpenner erkundigte. Seither trägt der Superpenner ein „SP“ statt dem schlichten „S“ auf der Brust. Teil zwei seiner Geschichte soll nun zum 20-jährigen Jubiläum des strassenfegersin diesem Sommer erscheinen.

Andreas Düllick zollt der Agentur höchsten Respekt:

"Überhaupt den langen Atem zu haben! Viele Agenturen hätten wahrscheinlich schon vorher gesagt, sie hätten sich verhoben. Scholz & Friends aber hat es durchgezogen."

Ulrike Henriette Jeggle

Ulrike Henriette Jeggle

Ulrike Henriette Jeggle ist gelernte Werbekauffrau und Diplom-Kommunikationswirtin. Nach Abschluss ihres Studiums an der Universität der Künste in Berlin war sie für einen Verlagsservice und Universitäten tätig. Mehrere Jahre arbeitete sie zudem bei einem Senkrechtstarter der Berliner Kulturszene mit. Seit 2011 übernimmt sie gemeinsam mit Nadja Gragert-Klier unter der eigenen Marke ‚TEXTAUFTRITT‘ Text- und PR-Aufgaben für Online- und Offline-Medien.

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