Die Energiewende ist ein Großprojekt

Der BDEW setzt sich in seinem Verbandsmagazin »Zweitausend50« kontrovers mit der Komplexität der Energiewende auseinander. Econ Awards Jurypatin Catrin Bialek hat zwei Magazinartikel ausgewählt, die das besonders gut zeigen. 

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e. V. (BDEW) – ein Interessenverband deutscher Unternehmen und Verbände – ist zentraler Ansprechpartner für alle Fragen rund um Erdgas, Strom und Fernwärme sowie Wasser und Abwasser. Heft 1/2018 seines Magazins »Zweitausend50« widmete der BDEW der Komplexität der Energiewende. Der Verband beleuchtet darin unternehmerische Herausforderungen und berichtet über die Modernisierung der Energiewelt. Die Jury der Econ Awards 2018 zeichnete das Magazin mit Silber aus. Catrin Bialek, Teamleiterin IT/Telekommunikation/Medien im Ressort Unternehmen und Märkte beim Handelsblatt und Jurypatin der Kategorie Magazin, empfiehlt zwei besonders lesenswerte Artikel aus dem prämierten Heft.

JuryEmpfehlung "Blick zum Nachbarn"

Die erste Leseempfehlung wirft einen Blick in die Niederlande: Nicht nur im Fahrradfahren sind unsere Nachbarn stark, auch in Sachen Elektromobilität lässt sich einiges abschauen. 

Magazinseite Mobilität in den Niederlanden

Blick zum Nachbarn: Mobilität in den Niederlanden

Die vorausschauende Beschäftigung mit alternativen Verkehrskonzepten hat in den Niederlanden eine lange Tradition. Davon profitiert insbesondere die Elektromobilität. 

Wer sich einer beliebigen niederländischen Stadt mit dem Zug nähert, der kann sich auf eines verlassen: Er wird unweit des Bahnhofs vollgepfropfte Fahrradstellflächen und -parkhäuser erblicken. Zurzeit baut Utrecht das größte Fahrradparkhaus der Welt: mit einer Stellfläche von 17.000 Quadratmetern und einer Kapazität von 12.500 Fahrrädern. Die besondere Affinität der Niederländer zum »Fiets« ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass das Land überwiegend flach und damit gut zum Radfahren geeignet ist: Es waren die hohe Zahl der Verkehrstoten – mehr als 3.300 im Jahr 1971 – und die Ölkrise, die die niederländischen Kommunen zum Umdenken und zum Aufbau eines nachhaltigen Fahrradwegkonzepts motivierten.

Strom? Läuft!
Auch was die Elektromobilität angeht, gehören die Niederlande derzeit zu den führenden Nationen Europas. Heute sind dort bereits 120.000 elektrisch betriebene Fahrzeuge unterwegs. Das sind mehr als in Deutschland, obwohl Deutschland fast fünfmal so viele Einwohner hat. Bei Neuzulassungen haben Elektroautos in den Niederlanden inzwischen einen Marktanteil von zehn Prozent. Das liegt unter anderem an zwei wichtigen Standortvorteilen: Zum einen hat das Land eine geringe Grundfläche, die Reichweitenprobleme erst gar nicht aufkommen lässt – die längste Entfernung auf der Nord-Süd-Achse beträgt gut 250 Kilometer und auf der Ost-West-Achse etwa 130. Zum anderen gibt es in den Niederlanden keine alteingesessenen Kfz-Hersteller für den Massenmarkt – und damit keine Verbrennungsmotorlobby. Ganz im Gegenteil: Elektromobilität wird ganzheitlich als Konjunktur- und Exportmotor betrachtet. So fährt Europas größte ÖPNV-Elektrobusflotte mit über 40 Fahrzeugen in Eindhoven – mit Bussen von VDL "made in The Netherlands ". Und niederländische Ladeinfrastrukturunternehmen expandieren inzwischen in alle Welt.

Magazinseite Zweitausend50 Vergleich
Elektromobilität im Vergleich (Quelle: BDEW Verbandsmagazin Zweitausend50 Heft 1/2018)

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TEXT: Jochen Reinecke 

JuryEmpfehlung "Die Rechnung, bitte!"

Im zweiten empfohlenen Artikel serviert der BDEW die Rechnung für die Zukunft der Energieversorgung. Wie lässt sich diese gestalten, und welche Rolle spielt der Strompreis dabei? 

Doppelseite aus dem Magazin

Die Rechnung, bitte!

Sonne und Wind seien unendlich verfügbar und stellten keine Rechnung, heißt es oft. Dabei erfordern die Technologien hohe Investitionen. Zeit, darüber zu sprechen, wie wir diese in Zukunft absichern.

Bis ins Jahr 2050 ist es noch eine ganze Generation hin. Wie unsere Stromversorgung dann verzahnt sein wird, ist heute noch nicht im Detail entschieden. Fest steht aber: Die Erneuerbaren dürften die Hauptlast stemmen, „mindestens 80 Prozent“, so heißt es im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), soll der „Anteil des aus Erneuerbaren Energien erzeugten Stroms am Bruttostromverbrauch“ betragen. Zugleich will Deutschland wesentlich weniger CO2 emittieren – minus 80 Prozent, wenn nicht sogar minus 95 Prozent sollen bis 2050 möglich sein. Die Frage ist nur: Welcher Weg führt dorthin? Und wie wird er finanziert

Paradigmenwechsel: Das System steht Kopf
„Grundsätzlich stehen wir vor der Frage: Wie wollen wir die Energiewende finanzieren und wie kann das, was wir aufbauen, auch künftig eine saubere, sichere und effiziente Energieversorgung gewährleisten?“, skizziert Dr. Martin Baumert von der EWE Vertrieb GmbH die große Herausforderung der nächsten Jahre. "Gerade verändern wir unsere energiewirtschaftliche Landschaft massiv. Wir stellen um auf Erneuerbare und eine CO2- arme Erzeugung, gleichzeitig vernetzen wir bisher getrennte Versorgungsfelder wie Wärme, Strom und Mobilität, um daraus Synergieeffekte zu schöpfen. Wir nehmen wahr, dass sich immer mehr unserer Kunden zu Prosumenten entwickeln und dabei ganz neue Versorgungsoptionen ausdifferenzieren. Schließlich digitalisieren wir unsere Wertschöpfungsketten und schaffen damit eine fundamental neue Basis für das Funktionieren unserer Energieversorgung. Wir wissen, dass das nicht nur Geld kosten, sondern auch neue Strukturen und Institutionen erforderlich machen wird. Aber am Ende sollen sich die Mühen auch gelohnt haben. Dafür kämpfen wir jeden Tag", sagt er.

Sonne und Wind schrieben keine Rechnung, heißt es. Allerdings kostet die technische Umwandlung Geld – die Rechnung kommt also über die Anlagen ins Haus geflattert. Baumert spricht von einer »fixkostengetriebenen Erzeugungslandschaft«, in der neben dem eigentlichen Kraftwerk wegen zunehmend dezentraler Strukturen auch das Netz und die Verteilung der Energie hohe Investitionen erfordern. Das stellt das althergebrachte Energiesystem auf den Kopf: von niedrigen Fixkosten und hohen Brennstoffkosten hin zu hohen Fixkosten und niedrigen variablen Kosten. Wurde Strom bisher nur dann erzeugt, wenn es sich lohnte – sodass die Unsicherheit darüber, ob sich die einzelne erzeugte Kilowattstunde refinanziert, gering war –, ist die Stromerzeugung nun witterungsabhängig. Zeiten des Überangebots häufen sich. Die einzelne Kilowattstunde wird quasi »entwertet« – sodass die Unsicherheit relativ groß ist, ob sich die Anfangsinvestitionen allein über die Erzeugung refinanzieren.

Die Branche spricht hier vom Merit-OrderEffekt: Weil Sonne und Wind zu Grenzkosten null anbieten können, verdrängen sie teurere Kraftwerke aus dem Markt und lösen damit einen kostensenkenden Effekt aus. Die Preise an der Strombörse fallen. Dadurch lassen sich die Betriebskosten nicht mehr decken. "Eine Refinanzierung einer stark auf Erneuerbaren fußenden Energieerzeugungslandschaft rein über Arbeitspreise wird so nicht funktionieren", sagt Baumert. „Wir wissen, dass wir aus Gründen der Versorgungssicherheit auf der Angebotsseite in der Summe immer mehr Erzeugung vorhalten müssen, als auf der Nachfrageseite aktuell abgerufen wird. Deshalb brauchen wir ein Fördersystem. Die wichtige Frage ist: Wie kann man die Förderung so gestalten, dass sie einerseits die Finanzierung und Refinanzierung des Kapitalstocks, also die Summe aller Anlagen, auf effiziente Weise ermöglicht, andererseits aber auch die für ein effizientes Versorgungssystem so wichtige Marktsteuerungswirkung der Arbeitspreise dabei nicht verloren geht?“

Diagramm Strompreis Zusammensetzung
Übersicht Strompreis (Quelle: BDEW Verbandsmagazin Zweitausend50 Heft 1/2018)


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TEXT: Christiane Waas

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