Mehr als tausend Worte

Kaum ein Werbespot hat im vergangenen Jahr so viele Menschen gerührt wie der „Gothic Girl“-Spot für Hornbach. Guido Heffels von der Agentur HEIMAT Berlin erzählt, was den Charme ausmacht – und an welcher Stelle man so einen Film auch „verkacken“ kann.

INTERVIEW MIT GUIDO HEFFELS GEFÜHRT VON DANIEL ERK.

GOLD IN DER KATEGORIE FILM
HORNBACH BAUMARKT AG | HEIMAT BERLIN
"GOTHIC GIRL"

Der Hornbach-Spot „Gothic Girl“ hat nicht nur in Deutschland, sondern weltweit viel ­Zuspruch erfahren. Wie erklären Sie sich das?

Weil das Bild des schwarz gekleideten Mädchens im Grunde jeden meint, der anders denkt. Egal, ob das die Punks Ende der 70er waren oder später die Hip-Hop- oder Techno-Bewegungen; das alles macht einen ja zu einem Freak innerhalb der Gesellschaft. Und dadurch wird der Kreis derer, die sich angesprochen fühlen, natürlich viel viel größer.

Weil es eben nicht um Heimwerkerei geht, sondern darum, Zuneigung auszudrücken?

Die analoge Tätigkeit eines Heimwerkers ist ja eine wunderbare Sprache. Wir leben in einer wahnsinnig oberflächlichen Welt, aber das ändert nichts an dem Wunsch, dass Menschen füreinander da sein sollen. Dazu kommt, dass der Spot viele Facetten anspricht: Außenseitertum, Eltern-Kind-Beziehungen, Kinder und wie sie sich gegenseitig ausgrenzen …

Schwarz-weiß in der Sporthalle.
Der Werbespot verstärkt die Ausgrenzung durch farbliche Kontraste.


… und er zeigt, wie man Zuneigung auf eine sehr männliche Weise ausdrückt: nämlich dadurch, dass man etwas tut.

Ganz genau. Wir arbeiten ja schon eine Weile für Hornbach und versuchen immer, auf die emotionale Bedeutung von Dingen einzugehen, die das bloße Errichten einer Wand oder das bloße Renovieren übersteigen. Wir wollten ja kein Sozialdrama drehen, sondern eine Geschichte über die ­Dinge erzählen, die man für seine Freunde, seine Familie, für die Menschen, die einen umgeben, tut.

Der Spot ist auch ein Spiel mit Klischees: Vom schwarzen Gothic Girl unter den sonst komplett weiß gekleideten Kindern bis hin zu den wie im Gruselfilm auffliegenden Vögeln finden sich viele bekannte Motive wieder.

Klischee klingt immer so abwertend, nennen wir den Aufbau des Films lieber „stilisiert“. Das trifft es besser.

Im Grunde eine Fabel.

Fast ein Märchen! Wir haben darüber viel nachgedacht und viel diskutiert: Machen wir das ber­linerisch, mit wackeliger Kamera, wie das deutsche Spielfilme oft tun? Aber wir wollten den Film auch visuell nicht verstörend machen. Wir wollten nicht die Gesellschaft anklagen, sondern einfach die Geschichte des Mädchens erzählen.

Nicht überzeichnet: das Gothic Girl.
Nicht überzeichnet: das Gothic Girl.

Wie schnell war klar, dass die Hauptperson ein Gothic Girl sein soll?

Sehr bald. Wir haben aber auch schnell herausgefunden, dass wir das nicht überzeichnen dürfen, mit verrückter Schminke und Anarchiezeichen überall. Das war doof, das haben wir schnell ­verworfen.

War es schwierig, den richtigen Tonfall zu finden? Der Spot lebt ja, bei allen ­Klischees, vor allem von seiner Stimmung.

Das hat auch mit Glück zu tun. Man muss den richtigen Regisseur, die richtigen Darsteller und e­inen anständigen Kameramann finden. Wir hatten auch Glück mit dem Wetter: Es war warm, aber bedeckt und dadurch hat der Film etwas sehr Gleißendes und eine gewisse Magie. Dann kam das Mädchen zum Dreh und war recht erkältet, nicht gut drauf und übermüdet und musste sich immer wieder hinlegen.

Nicht nur die Mitschüler reagieren abweisend auf das Gothic Girl.
Nicht nur die Mitschüler reagieren abweisend auf das Gothic Girl.

Das wirkt im Film als Mattheit an der Gesellschaft.

Genau. Manchmal ist das mit jugendlichen Schauspielern schwierig, weil die zum Over-Acting ­neigen. Aber in dem Film wirkt alles wahnsinnig echt, weil es wahnsinnig echt ist!

Auch die Reaktionen von Vater und Tochter sind sehr minimal.

Der Vater hat zwar nur zwei Szenen, ist aber meiner Meinung nach die wichtigste Figur des Spots: Dieser Blick ist nur eine Sekunde lang, aber die macht den Spot aus. An der Stelle kann man so einen Film verkacken: Der Vater könnte natürlich auch lachen oder zu seiner Tochter gehen und sie ­umarmen. Auch auf dem Gesicht des Mädchens ist nur der Hauch eines Lächelns – sie sieht das, findet das gut und geht doch einfach rein. Nicht zu vergessen: Der Vater sieht aus wie Jesus. 

Nur der Vater hält zu seiner Tochter.
Nur der Vater hält zu seiner Tochter.

(Veröffentlicht im Buch zum JAHR DER WERBUNG 2015, Band 52, erschienen im Econ Verlag)

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Daniel Erk

Daniel Erk

Daniel Erk hat Politikwissenschaft und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation in Göttingen und in Berlin studiert, war Redakteur bei Zeit Online und hat für die taz den mit einem Lead Award ausgezeichneten Hitlerblog betrieben. Daniel Erk arbeitet als freier Journalist, unter anderem für Business Punk, Neon, Fluter, Zitty und The Eeekender und wohnt in Berlin.

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