Mehrwert statt Kommerz

Ausgeschrieben ist campus als Nachwuchswettbewerb im Rahmen des Wettbewerbs DAS JAHR DER WERBUNG. In dieser Kategorie ist der Wettbewerbsgedanke für die Herausgeber jedoch fast zweitrangig. Eher sehen sie in campus einen Inkubator, der frische Ideen für die Werbewirtschaft generiert und deren kreativen Urhebern eine Plattform bietet.
EIN BEITRAG VON ULRIKE HENRIETTE JEGGLE

 

„What the Kack“ von Dennis Hackhausen und Melanie Böttcher.
Auf der Shortlist: „What the Kack“ von Dennis Hackhausen und Melanie Böttcher.

Zum zweiten Mal waren die Absolventen der Bereiche Kommunikationsdesign, Mediendesign und Werbung aller Hochschulen im deutschsprachigen Raum dazu eingeladen, ihre Abschlussarbeiten einzureichen und der Branche vorzustellen. Die Beurteilung der Arbeiten erfolgte dabei völlig unabhängig von der Bewertung durch die Hochschulen.
Die drei Herausgeber des Buchs zum JAHR DER WERBUNG Anette Scholz, Thomas Rempen und Peter Wippermann, alle selbst als Professoren in der Lehre tätig, zeigten sich von der Qualität der Einreichungen erfreut: Fünf besonders herausragende Arbeiten schafften es nach intensiver Diskussion auf ihre Shortlist, die anschließend der hochkarätig besetzten Jury vorgelegt wurde. Die Mitglieder aus Unternehmen, Medien und Agenturen wählten schließlich drei Beiträge zur Präsentation auf ihrer Jurysitzung aus.

WERTE UND LEBENSQUALITÄT

Das Spektrum der drei Auserwählten könnte breiter kaum sein: von der klassischen Printarbeit, die durch Sorgfalt und Gründlichkeit in Perfektion überzeugte, über ein integratives Sozialprojekt bis hin zur digitalen Installation. Allen Projekten gemein ist jedoch, dass sie nicht kommerziell ausgerichtet sind, sondern Werte vermitteln und Lebensqualität stiften möchten. „Die Studierenden von heute möchten abseits vom Kommerz Dinge bewegen. Ethisch und inhaltlich wertvolle Projekte interessieren sie viel mehr als Ruhm und Ehre“, konstatiert auch Anette Scholz, Prodekanin des Fachbereichs Design an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle.

„Blickfang“ von Elisabeth Schunck schaffte es auch auf die Shortlist.
„Blickfang“ von Elisabeth Schunck schaffte es auch auf die Shortlist.

Am Ende wurde mit „Metaworlds“ der technologisch faszinierendste Entwurf ausgezeichnet. „Unglaublich, dass Studenten so etwas können“, zeigt sich Thomas Rempen, Creative Consultant, beeindruckt. Was aber hat eine digitale Installation mit Markenkommunikation zu tun? Bei genauerer Betrachtung immer mehr. Die einst klare Hierarchie der Medien, in der die Fernsehwerbung über lange Zeit der unangefochtene König war, wurde durch die digitalen Medien aufge­hoben. Die werberelevante Generation bewegt sich heutzutage in anderen Kanälen und vor allem in etlichen gleichberechtigten. Crossmediale Strategien sind daher gefragt. Gerade in den vielfältigen Entfaltungs- und Einsatzmöglichkeiten und vor allem dem Spielraum für Weiterentwicklungen der Technologie sieht die Jury daher auch das besonders vielversprechende Innovationspotenzial des Siegerbeitrags.

BITTE MEHR DAVON 

Für Trendforscher Peter Wippermann geht die Auszeichnung daher genau in die richtige Richtung: Er setzt große Hoffnungen auf Kreative „aus dem digitalen Kinderzimmer“. Die digitale Welt müsse in der Werbewelt zur Kenntnis genommen und integriert werden. Momentan sieht er zwar das Contentmarketing in Form des Storytellings noch hoch im Kurs, perspektivisch hält er jedoch medienaffine Angebote für notwendig – mit den entsprechenden Strategien.

Um den Wettbewerb noch mehr als Impulsgeber auszurichten und als richtungweisendes Medium zu etablieren, wünschen sich Jury und Herausgeber für die Zukunft unisono, dass noch mehr Absolventen mit technologisch-innovativen Ideen den Mut zur Teilnahme fassen.

Wer einreicht, kann gewinnen. Wir gucken uns alles durchaus wohlwollend an, und diese Arbeit macht mir jedes Mal wieder große Freude,

ermutigt Juror Rempen alle potenziellen Teilnehmer.

 

LEBENSWERTE AUFZEIGEN

MEDIAMORPHOSEN

"KINDER. SKATEN. LASSEN." VON PHILIPP GROTH UND "DER VERSTECKTE WERT DER MILCH" VON SUSANNE HERMANN

Einen gemeinsamen Nenner gibt es trotz aller Unterschiede zwischen den Arbeiten von Philipp Groth und Susanne Herrmann dann doch: Beide sind thematisch durch das unmittelbare Lebensumfeld der Absolventen inspiriert.

campus
Philipp Groth stellt seine Bachelorarbeit „Kinder.Skaten.Lassen.“ der Jury vor (Foto: Thomas Rosenthal für Econ).

Philipp Groth lebte während seines Studiums des Kommunikationsdesigns an der design akademie berlin im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Der gebürtige Saarländer stellte an seine Abschlussarbeit hohe Ansprüche:

"Ich hatte eine so gute Zeit in Berlin, da wollte ich etwas zurückgeben."

Und er wollte zeigen, dass Design lebensnah sein kann und nicht nur schöne Logos auf Visitenkarten bedeutet. Durch seinen persönlichen Bezug zur Skaterszene und vor allem seine Erfahrung, dort selbst nicht nur seine Identität entdeckt, sondern auch Gemeinschaft und Anerkennung gefunden zu haben, kam ihm die Idee zu „Kinder.Skaten.Lassen“.

DESIGN VOLLER LEBENSGEFÜHL

Er konzipierte einen Workshop, der ­speziell Kindern aus sozialen Randgruppen durch Skaten erreichbare Perspektiven aufzeigt, indem Talente, Selbstvertrauen sowie Gemeinschaftssinn gefördert werden. Für die Akquise von Unterstützern und Partnern gestaltete der Designstudent außerdem eine Corporate Identity und flankierende Werbemittel. Er gewann eine Schule in seiner Nachbarschaft als Pilotprojekt, an der 95 Prozent der Schüler aus sozial benachteiligten Familien kommen. Dokumentiert wurde die Durchführung in einem sehr sehenswerten, professionell gemachten Film.

Das Gesamtkonzept begeisterte nicht nur die teilnehmenden Kinder. Das Projekt wurde von Google Deutschland in seine anlässlich des Mauerfalljubiläums initiierte Plattform „Deutschland25“ aufgenommen und war rasch sehr nachgefragt. Gespräche mit potenziellen Auftraggebern folgten, und es ist absehbar, dass das Projekt regional ausgeweitet wird. Philipp Groth ist es sehr überzeugend gelungen, Kindern in sozialen Brennpunkten einen Silberstreifen an ihrem sonst eher tristen Horizont aufzuzeigen.

WEIßES GOLD ODER WERTLOSE WARE? 

Susanne Herrmann dagegen lebt im idyllischen ländlichen Franken, viele ihrer Freunde und Verwandten sind Bauern. Doch stellte sie fest, dass selbst dort, wo die Kuh beim Nachbarn auf der Weide steht, kaum jemand noch einen Bezug dazu hat, wie die Milch in seinen Kühlschrank kommt.

Susanne Herrmann präsentiert ihre Arbeit „Der versteckte Wert der Milch“ bei der Jurysitzung (Foto: Thomas Rosenthal für Econ).
Susanne Herrmann präsentiert ihre Arbeit „Der versteckte Wert der Milch“ bei der Jurysitzung (Foto: Thomas Rosenthal für Econ).

In ihrer Bachelorarbeit „Weißes Gold oder wertlose Ware?“ zeichnet die Studentin für Mediendesign an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg minutiös die Produktionskette vom Euter bis ins Kühlregal nach und präsentiert dabei alles andere als eine Milchmädchenrechnung. Vielmehr hat sie einen Buchschuber in Format eines Milchkartons entwickelt, der es in sich hat: Bis ins kleinste Detail sind die drei Bände „Erzeugung“, „Verarbeitung“ und „Konsum“ liebevoll ausgefeilt.

Milch wertzuschätzen sollen Konsumenten wieder lernen. Um dies zu vermitteln, hat sich Susanne Herrmann ganz bewusst für das Medium Print entschieden.

Ein Buch vermittelt an sich schon den Eindruck von Wertigkeit, und durch das haptische Erlebnis werden die Inhalte im wahrsten Sinne des Wortes ‚greifbar‘,

begründet sie ihre Wahl.

Sie sah es als persönliche Herausforderung an, alles aus dem Medium herauszuholen, um das Thema möglichst anschaulich zu transportieren. Und tatsächlich zeigt dieses ganz besondere Buch im Ergebnis, welches Potenzial noch immer in Printmedien steckt.

Und selbst wenn das Buch bisher kommerziell noch nicht zum Einsatz kommt, sieht sich Susanne Herrmann in ihrer Einschätzung bestätigt, dass „Themen, die inhaltlich erst mal trocken und langweilig wirken, durch gute Aufbereitung durchaus interessant werden können“.


 

DER WEG BESTIMMT DAS ZIEL

Das Ergebnis ist in jeder Hinsicht sehenswert. Absehbar war es nicht. Denn neben der Entwicklung von VirtualReality-Szenarien zählen auch experimentelle Studien zu den Schwerpunkten des Studiengangs Multimedia | VR-Design an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle. Die Ermutigung zu Visionen wird dabei ausdrücklich als zentrales Ziel formuliert.

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Metaworlds wird intuitiv mit dem Sphero gesteuert.

Paul Kirsten und Christian Freitag haben dies beherzigt und sich für ihre Bachelorgruppenarbeit die Freiheit genommen, ziellos und spielerisch zu starten und zu sehen, was dabei herauskommt.

Metaworlds ist kein reines Spiel, keine abstrakte Kunst und keine unnahbare Installation. Es ist all das zusammen und noch einiges mehr“, beschreiben die beiden Entwickler ihr vorläufiges Ergebnis. Für den Betrachter ist die virtuelle, surrealistisch angehauchte Designwelt auf dem Bildschirm zunächst einfach „hübsch“, doch die ästhetischen Visuals an der Oberfläche sind lediglich ein Nebeneffekt des eigentlichen Projekts.

SPIELEN ALS INSPIRATION 

„Wir haben im Studium viele praxisnahe Übungen vor allem mit Unity gemacht, einer Umgebung die eigentlich für die Entwicklung von Spielen gedacht ist“, erzählt Paul Kirsten. Er hält das Spielen für ganz wichtig im Entwicklungsprozess. Die entstandenen Bilder hätten immer neue Inspirationen für die nächsten Schritte hervorgebracht. Die Schaffung einer programmierten Bilderwelt, die wie ein Plakat an der Wand hängt, hat den Designstudenten als Abschlussarbeit nicht genügt. Vielmehr beschäftigte sie die Frage, wie es wäre, wenn der Benutzer mit so einer Installation interagieren könnte.

Das war der Ausgangspunkt für die Suche nach einem intuitiven Eingabesystem abseits von Tastatur und Maus, das selbst technisch Ahnungslosen die Steuerung komplexer Technik ermöglicht. „Die Leute haben keine Lust auf erklärungsbedürftige Konsolen mit tausend Knöpfen“, ist sich Paul Kirsten sicher. Für ihre Experimente legten sie sich daher einen umfangreichen Fundus an Bedienungshilfen zu und probierten sie aus.

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Eine der digitalen Landschaften aus Metwaworlds.

Berührungsängste mit der komplexen Technologie bereiteten den Multimediastudenten dabei keine Probleme. Prodekanin und Mitherausgeberin des Buchs zum JAHR DER WERBUNG Anette Scholz bezeichnet die digitale Technologie als „Werkstoff“ des Multimediastudiengangs, dementsprechend macht die Auseinandersetzung mit der Technik die Hälfte des Studieninhalts aus.

Eines der getesteten Systeme ist der Roboterball Sphero. Eigentlich rollt dieser selbst per App ferngesteuert durch den Raum. Die beiden Studenten haben das komplexe interne Leitsystem mit integriertem Kreisel, Beschleunigungsmesser und Kompass jedoch einfach umgedreht: Nun steuert der Ball die Installation – und eröffnet ganz neue Möglichkeiten für Interaktionsszenarien in Echtzeit. Mit der Roboterkugel haben Benutzer im wahrsten Sinn des Wortes in der Hand, wo die virtuelle Reise hingeht: Ihre Handbewegungen steuern die Veränderungen auf dem Screen. Diese Interaktion lässt sie ganz in die immersive Umgebung abtauchen.

ENTFALTUNGSSPIELRAUM VORPROGRAMMIERT

Der innovative Ansatz mit großem ­Zukunftspotenzial war ein wesentlicher Punkt für die Auszeichnung von Metaworlds. Auch dass Paul Kirsten und Christian Freitag die Technologie und das Produkt entworfen haben, ohne bereits auf ein kommerzielles Ziel hinzuarbeiten, fand Anerkennung.

Die Preisverleihung beim Winners Dinner in Berlin (Foto: Thomas Rosenthal für Econ).
Die Preisverleihung beim Winners Dinner in Berlin (Foto: Thomas Rosenthal für Econ).

Die Preisverleihung beim Winners Dinner in Berlin (Foto: Thomas Rosenthal für Econ).
„Metaworlds schafft eine Brücke zwischen Technik und Emotionen, ohne dabei auf eine Geschichte zurückgreifen zu müssen; es begeistert die Menschen für Technik“, begründet die Jury ihre Wahl. Herausgeber sowie Juroren würden mehr derart visionäre Ideen als Einreichungen bei campus sehr begrüßen.

Interesse weckt Metaworlds allenthalben. Nach ihrem Bachelor beteiligten sich Kirsten und Freitag gezielt bei etlichen Wettbewerben, um mit Fachleuten in Kontakt zu kommen – und erhielten so viele Anregungen als Rückmeldung, dass sie diese neben dem anschließenden Masterstudium noch gar nicht verarbeiten konnten. Christian Freitag fasziniert besonders, wie gut es klappt, dass ihre Idee von ganz Unbeteiligten weiterentwickelt wird. Er empfiehlt daher auch anderen, erst mal sinnfrei loszulegen, sofern sie die Möglichkeit haben.

(Veröffentlicht im Buch zum JAHR DER WERBUNG 2015, Band 52, erschienen im Econ Verlag)

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Ulrike Henriette Jeggle

Ulrike Henriette Jeggle

Ulrike Henriette Jeggle ist gelernte Werbekauffrau und Diplom-Kommunikationswirtin. Nach Abschluss ihres Studiums an der Universität der Künste in Berlin war sie für einen Verlagsservice und Universitäten tätig. Mehrere Jahre arbeitete sie zudem bei einem Senkrechtstarter der Berliner Kulturszene mit. Seit 2011 übernimmt sie gemeinsam mit Nadja Gragert-Klier unter der eigenen Marke ‚TEXTAUFTRITT‘ Text- und PR-Aufgaben für Online- und Offline-Medien.

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